Hallo, Menschen!
Dieses Kapitel gehört zu meinem Roman "Paradise Found". Beginnend mit dem Prolog und kapitelweise fortlaufend werde ich werde immer wieder mal zwischendrin eines posten.
Viel Freude beim Lesen!
„Sag mal, hörst du auch andauernd diese Stimme?“
... fragt Eva. „Jep“, macht Adam, während er an einer Liane herumbastelt, die er zu einem Flaschenzug zusammengebunden hat. Nun prüft er die Festigkeit des Flechtwerks, indem er Stück für Stück heftig daran zieht. „Haben wir für die Party morgen genug Apfelmost?“, will er wissen. Eva verdreht die Augen. „Aber ja doch, bis in alle Ewigkeit. Nur mit den Gefäßen hapert’s ein wenig, der Ton will nicht richtig fest werden, es muss ja andauernd regnen.“
Missmutig betrachtet sie die unförmigen tönernen Behälter, die sie ein Stück weit entfernt auf einer Lichtung zum Trocknen angeordnet hat.
„Mehr rote Erde“, kommt es aus einer unbestimmten Richtung.
„Wer hat gesprochen?“, fragt Eva, obwohl sie es natürlich weiß. „Hat er nichts Besseres zu tun?“
Ungehalten wischt Eva sich ihre Hände am Saum ihres Gewandes ab. „Neulich sah ich ihn mit einem Kerl reden, der hier herumlungerte“. Adam zurrt einen Knoten in das Ende einer Leine und hilft mit den Zähnen nach. „Kennen wir ihn?“, will Eva wissen. „Nein.", erwidert Adam und Eva hakt nach: „Wie sieht er aus?“ „Na, wie schon. Er hat einen Buckel und hinkt mit einem Bein. Der ist hier zu nichts zu gebrauchen“, schnaubt Adam, dem diese glatte Lüge über Richards Aussehen leicht über die Lippen geht. „Wenn er hier noch mal herumstreicht, sagst du ihm, dass wir ihn morgen zum Fest nicht hier haben wollen“, verlangt Eva. „Lasst Richard in Ruhe oder ich lasse es wieder regnen.“ „Der nervt!“ schimpft Eva, ohne auf die Drohung einzugehen.
„Was ist mit den anderen. Kommt Tarzan?“ „Du mit deinem Tarzan, nur weil er dich mal mit auf Tour genommen hat.“ Adam ist eifersüchtig, muss sich aber eingestehen, dass er hofft, Tarzan möge kommen, denn dann wäre auch die schöne Jane mit von der Partie.
„Na auf jeden Fall wird der Laden morgen brummen“, sagt Eva und beginnt, aufzuzählen: „Morpheus, Indiana, Beltane…“, „Ach, Beltane hat zugesagt?“ unterbricht Adam, „dann können wir uns auf ein schönes Schauspiel gefasst machen.“ „ … Apocalypse, diese Miesmacherin…“ „Und Gott!“, wird Eva wieder unterbrochen. „Der Allmächtige“, kommt es hinterher. „Herrschaftszeiten, ist ja gut!“, gibt sie nach und dann trollt sie sich mit Adam runter zum Fluss.
Gott lächelt ihnen süffisant hinterher und streichelt die Schlange.
Am frühen Abend des nächsten Tages sind alle Vorbereitungen beendet. Regen ist nicht in Sicht. Sitzkissen aus geflochtenem Blattwerk arrangieren sich um ausgebreitete Decken, frisch abgeschlagenes Grün und Blumen liegen in dekorativer Anordnung herum, eine runde große Feuerfläche bildet die Mitte des Festplatzes. Dort hat Adam eine Steinschicht gestapelt und einige Stöcke bereitgelegt, mit denen er später das brennende Holz für das Freudenfeuer bearbeiten will. Krüge mit gegorenem Fruchtsaft stehen bereit. Das Fleisch mehrerer erlegter Wildtiere liegt in Erdvertiefungen unter großen Bananenblättern und muss nur noch gesegnet werden.
Eva spielt auf einer selbstgeschnitzten Flöte und tanzt sich schon mal etwas ein. „Schneeflöckchen, Weißröckchen …“ summt sie.
„Wo ist die verdammte Steckdose?“,
flucht Adam und sucht den Sand nahe des großen Hartholzbaumes ab, der ihnen als provisorisches Baumhaus dient. Er scharrt an verschiedenen Stellen, bis er eine kleine glatte Fläche freideckt. Er klappt den grünen Deckel hoch und steckt ein. Die Umgebung rund um den Platz ist in schimmerndes Licht getaucht, an den Bäumen und Sträuchern hängen gelbe Lichterketten. Eva tanzt jetzt ausgelassen umher.
Um die Ecke kommt Gott.
Er trägt einen weißen Sack, den er sanft auf dem Boden abstellt. „Na, das sieht doch schon sehr einladend aus“, lobt er. „Wer hat dich denn gefragt?“, schnappt Eva und hört abrupt mit ihrem Tanz auf. Sie nimmt es ihm noch immer übel, dass er Genesis auf die Menschen losgelassen hat. „Sei doch nicht so schrecklich nachtragend“. Gott wendet ihr sein Gesicht zu und versucht es mit einem gütigen Lächeln, das er sich von seinem Sohn abgeguckt hat.
„Ja, ja“, murrt Eva unbeeindruckt. „Dann mach dich mal nützlich, Kumpel“, kommt es von Adam, der in der Zwischenzeit alles für das große Grillen vorbereitet hat. Er reicht Gott einen Holzhammer und deutet auf die Getränkefässer. „Hoffentlich sind die Musiker rechtzeitig hier“, sagt Eva und streicht sich über ihr Gewand, als auch schon ein lautes Rascheln mehrere Personen ankündigt.
Just rückt die Band an
mit ihren Trommeln, Blashörnern und Flöten. Sie stellen ihre Instrumente schnaufend ab und sehen sich um. „Schön hier“, sagt Bernie, der dicke Trommler, dem der Schweiß die Stirn hinunterläuft. Er wischt ihn mit dem Handrücken ab und hält Adam einen Becher entgegen, um den frisch gezapften Most anzunehmen, den Gott soeben aus dem Fass sprudeln lässt und sich nebenbei selbst ein kleines Schlückchen genehmigt.
„Ah …“, seufzt er mit Schaum am Mund, „es geht nichts über das gute Leben. Endlich mal keine Sintfluten ins Rollen bringen, kein Feuer ausbrechen lassen und keine Wolkenkratzer in Schutt und Asche legen. Ich bin es so Leid, mir hinterher das ganze Gezeter anzuhören.“ „Ach Gott, tust du mir Leid“, kann Eva sich nicht verkneifen anzumerken. „Stell dir nur vor, das alles hättest du auch noch alleine machen müssen.“„Eva, wie du weißt, habe ich die wirklich wichtigen Dinge stets im Alleingang vollbracht”, verteidigt sich Gott und nimmt auf einem Sitzkissen Platz.
Bevor sie jedoch in eines ihrer Streitgespräche verfallen können, hören sie Stimmen und Rufe, die sich aus dem Dickicht nähern. Adam dreht sich aufgeregt herum und geht den ersten Gästen entgegen. „Guten Abend, guten Abend!“, ruft er und begrüßt die Ankömmlinge mit Umarmungen und Schulterklopfen. Es sind Tarzan und Jane, gleich dahinter erscheinen Apocalypse und Thalia, beide festlich bemalt und herausgeputzt. Eva als gute Gastgeberin gesellt sich dazu und haucht Küsschen auf alle Wangen. Tarzan sieht Eva besonders lang an und drückt ihren Arm.
Über ihren Köpfen sausen kleine geflügelte Wesen, die die Nachhut der Anrückenden bilden. Ihr Kreischen kümmert niemanden und sie verteilen sich auf die Äste der umliegenden Bäume. Die Musiker versuchen sich in dezenter Abendmusik; der Flötist entlässt angenehme Klänge in die milde Luft und Bernie bearbeitet sachte ein paar Zwillingstrommeln, wiegt seinen massigen Körper sanft im Rhythmus.
Immer mehr Personen betreten den Platz, darunter solche, die man nur selten sieht und die in den entlegensten Gegenden des Paradieses leben. Sie nehmen einen Trunk zur Begrüßung ein und machen Konversation, während die Zeit verstreicht. Die Stimmung ist fröhlich.
Gott mischt sich unters Volk und versucht, eine junge Frau in ein Gespräch zu verwickeln, um sich von seinen Gedanken abzulenken.
„Wie lange sind Sie schon in der Kommunikationsbranche?“,
will er wissen, als er erfährt, dass sie PR-Beraterin bei dem Institut für Menschenkenntnis ist. „Ich habe gerade meine Assistenzzeit hinter mir“, antwortet sie und freut sich, von der wichtigsten Persönlichkeit am Platz angesprochen zu werden. „Ich bräuchte dennoch einige praktische Erfahrungen mehr“, sagt sie dann und deutet in Tarzans Richtung.
„Könnten Sie mich vielleicht für eine Tour empfehlen?“
„Ich schau mal, was sich machen lässt“, verspricht Gott und streicht sich dabei über eine Augenbraue.
Es ist immer dasselbe. Seit Tarzan die Touren auf der Erde anführt, interessiert sich niemand mehr für etwas anderes. Zum Beispiel für sein Konzept des langsamen Eindampfens aller Religionen. Wobei dies zugegebenermaßen nicht unbedingt neu und Gott die ganze Geschichte mit den übertrieben sittlichen Anstrengungen noch immer etwas peinlich ist.
Wie er es auch angefasst hat, eine weltweite Verbreitung eines einheitlichen Glaubens hatte er einfach nicht bewirken können. Versucht hat er es mit allen möglichen Mitteln: spirituelle Körpertherapie, Kreativpädagogik, geistiges Heilen und sogar Atemtherapie. Forciert hatte er Schulen für Magie, für psychologische Astrologie und Seminare, für Yoga, für östliche Meditation und für Feng Shui. Sogar für ganzheitliches Leben, Avatar, für Tarot und für Tantra. Ja, selbst seine spontane Idee von den „fliegenden Untertassen“ wurde von den Menschen aufgegriffen und weiterverfolgt. Aber eine Mehrheit hatte sich aus keiner der Ideen gebildet. Das 21. Jahrhundert wurde gnadenlos überschätzt.
Gott seufzt innerlich. Was einmal eine bestimmte Richtung einschlägt, lässt sich so schnell nicht wieder auf neuen Kurs bringen. Starrköpfige Menschlinge! Und wieso hielten die Menschen an Buddha fest, wo sie doch nicht mal die Hälfte seiner Lehren verstanden? Gott selbst hat Schwierigkeiten, sich die vielen ethischen Verhaltensregeln zu merken.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass die Probleme der Erde durch deine Interventionen gelöst werden können?“, fragt ihn plötzlich Morpheus, der von irgendwoher aufgetaucht ist und seine Gedanken liest. „Bist du nicht gelangweilt, dich ewig mit demselben Thema zu beschäftigen?“ Und Eva sagt im Vorbeigehen: „Richtig, das alles hat nur dazu geführt, dass die privaten Krankenversicherungsbeiträge für Frauen erst jetzt endlich dasselbe Niveau erreichen, wie das der Männer.“ „Hast du was Besseres, das du mir vorschlagen kannst?“ will Gott von Morpheus wissen. Der zuckt mit den Schultern, während sein rechter Flügel traurig herunterhängt. „Überlass sie doch einfach sich selbst."
„Ich ertrage es aber nicht!” Gott schüttelt den Kopf.
„Ich habe mir so große Mühe gegeben – du weißt doch, was es gekostet hat, damit Leben aus der Ursuppe entstand. Weißt du, ich habe den Verdacht, keine dieser Kreaturen hat gegenüber meiner göttlichen Macht Respekt. Würden sie sonst meine Schöpfung so mit Füßen treten, Jesus Christus!“ Gott schnaubt.
„Ist von mir die Rede?“ Jesus hat sich bei Apocalypse eingehakt
und lächelt zufrieden. „Papa, kannst du nicht einfach mal eine Party genießen?“ Gott ignoriert den Einwurf und appelliert an die Begleitung seines Sohnes: „Apocalypse, sei ehrlich, wünschst du dir nicht mal wieder einen richtig ernsthaften Auftrag? Ich meine nicht die kleinen Unheilsprophezeiungen, mit denen du dich bisher aus der Affäre gezogen hast“. „Du bist wütend“, sagt Jesus. „Über was denn?“ “Ach, ich muss nachdenken”.
Mit diesen Worten entfernt sich Gott von der Menge und schlendert mit einem weiteren Becher Most in den Wald hinein. „Ich bin froh, dass ich noch keiner wirklich gefährlichen Verkündung nachkommen musste“, meint Apocalypse, hoffend, dass Gott nur schlechte Laune hat und sonst nichts.
„Was hältst du von einem kleinen Spaziergang?“
fragt Jesus und streicht Apocalypse zärtlich über ihre nackte Schulter. Die Angesprochene lässt sich in den Wald hineinziehen, während sie die durch Jesus Hände verursachten kleinen Wonneschauer genießt. Die übrigen Gäste bilden kleine Gruppen, sprechen dem Alkohol zu, nehmen sich von dem reichlichen Essen, frischen alte Kontakte auf und machen neue.
Unterdessen bereitet sich Beltane auf die Hauptattraktion des Abends vor. Der Akt der Herrin des Mai soll aufgeführt werden, sobald alle Sterne am Himmel gut zu sehen sind. Zuerst müssen aber alle in die richtige Stimmung gebracht werden.
„Wo ist Gott, wenn man ihn braucht?“, meckert Eva und blickt sich suchend um. Weiter hinten im Wald entdeckt sie ihn und eilt auf ihn zu.
„Warum müssen wir Frauen euch Männer immer an eure Aufgaben erinnern?“ Es ist ein Zwang, ihn tadeln zu wollen, aber Gott reagiert nicht darauf, sondern nimmt ihre Hand und führt sie zurück zum Geschehen.
Er geht zu dem Sack und holt einen kleinen ledernen Beutel daraus hervor. Dann stellt er sich gut sichtbar vor die Feuerstelle, während die Musiker einen kleinen Trommelwirbel veranstalten, um die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. „Liebe Freunde“, beginnt Gott, „setzt euch, setzt euch alle und hört zu.“ Er unterbricht und sieht sich um. „Jesus, komm aus dem Wald heraus!“. Alle lachen und blicken sich zu Jesus und Apocalypse um, die hastig zur Lichtung eilen. Der offizielle Teil des Festes beginnt.
... Fortsetzung folgt